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Der Tanz der Zukunft

März 1903 — Berlin Presse Verein, Berlin, Deutschland

 

Es wurde von mir verlangt, daß ich über den Tanz der Zukunft spreche. Aber wie sollte ich das?

Es ist noch zu früh; in fünfzig Jahren werde ich vielleicht etwas zu sagen haben. Und außerdem ich habe es immer indiskret gefunden, wenn ich über meinen Tanz sprechen wollte. Die Menschen, die mit meinem Tun sympathisieren, verstehen wohl besser, was ich eigentlich will und erstrebe, als ich selbst; und diejenigen, die nicht mit mir sympathisieren, wissen viel besser als ich weshalb sie es nicht tun.

Eine Dame fragte mich einmal, warum ich bloßfüßig tanzte, und ich erwiderte: „Gnädige Frau, weil ich eine religiöse Empfindung für die Schönheit des menschlichen Fußes habe“ und die Dame antwortete, sie hätte keine solche Empfindung. Ich sagte: „Aber das muß man empfinden, gnädige Frau, denn die Form und die Ausdrucksfähigkeit des menschlichen Fußes bedeutet einen großen Triumph in der Entwicklung des Menschen“. Da sagte die Dame: „Ich aber glaube nicht an die Entwicklung des Menchen“ und ich sagte: „Ich bin zu Ende. Ich kann Sie nur an meine verehrten Lehrer Charles Darwin und Ernst Haeckel verweisen.“ „Aber“ sagte die Dame, „ich glaube auch nicht an Darwin oder Haeckel“. Darauf wußte ich nichts mehr zu erwidern, Sie sehen also, daß ich es nicht wohl verstehe, Leute zu überzeugen, und besser täte, nicht zu sprechen.

Aber im Namen der Wohltätigkeit hat man mich aus der Einsamkeit meines Arbeitszimmers geholt und nun stehe ich, schüchtern und stammelnd, vor Ihnen und soll einen Vortrag über den Tanz der Zukunft halten.

Der Tanz der Zukunft ist — wenn wir bis zur Urquelle alles Tanzes, der Natur, zurückgehen der Tanz der Vergangenheit, der Tanz, der ewig derselbe war und ewig derselbe sein wird. In ewig gleicher Harmonie bewegen sich die Wogen, die Winde, der Erdball. Wir stellen uns nicht an den Strand und fragen den Ozean, wie er sich einst bewegte in der Vergangenheit, und wie er sich in der Zukunft bewegen werde — wir fühlen, daß die Bewegung, die der Natur seiner Wasser entspricht, ihr ewig entsprach und ewig entsprechen wird. Und so bleiben auch die Bewegungen aller Tiere, die in Freiheit sind, immer die notwendige Folge ihres Wesens und des Zusammenhanges, in dem ihr Leben mit dem Leben der Erde steht. Erst wenn wir Menschen die Tiere zähmen und aus ihrer Freiheit in die Schranken unserer Zivilisation sperren, verlieren sie die Gabe, sich in Harmonie mit der großen Natur zu bewegen, und ihre Bewegungen werden unnatürlich und unschön.

Die Bewegungen des Wilden, der in Freiheit und stetem Zusammenhang mit der Natur lebte, waren ungehemmt, natürlich und schön. Nur die Bewegungen des unbekleideten Körpers können natürlich sein. Und zur Nacktheit des Wilden wird der Mensch, angelangt auf dem Gipfel der Kultur, zurückkehren müssen; nur wird es nicht mehr die unbewußte, ahnungslose Nacktheit des Wilden sein, ” sondern eine bewußte und gewollte Nacktheit des  reifen Menschen, dessen Körper der harmonische Ausdruck seines geistigen Weens sein wird.

Und die Bewegungen dieses Menschen warden schön und natürlich sein, wie die des Wilden, wie die der freien Tiere.

Wenn die Bewegung des Weltalls sich in einem individuellen Körper konzentriert, so offen-
bart sie sich in ihm als ,, Wille”. So zum Beispiel die Bewegung der Erde, als eine Konzentration der sie umgebenden Kräfte, gibt der Erde ihren Willen. Und die Geschöpfe der Erde, die nun ihrerseits diese Kräfte empfangen und in sich konzentrieren, überliefert und modifiziert von ihren Vorfahren und bestimmt durch ihr Verhältnis zur Erde, entwickeln ire individuelle Bewegung, die wir ihren Willen nennen.

Der wahre Tanz sollte nun nichts anderes sein, als eine natürliche Gravitation des Willens im In-
dividuum, der nicht mehr und nicht weniger, als eine Uebertragung der Gravitation des Weltalls in das menschliche Individuum ist.

Sie bemerken wohl, daß ich in den Anschauungen und Ausdrücken Schopenhauers spreche: in
seiner Sprache kann ich am besten ausdrücken, was ich sagen will.

Die Bewegungen nun, die die Ballettschule unserer Tage lehrt, Bewegunen, die vergeblich gegen die natürlichen Gesetze der Gravitation, gegen den natürlichen Willen des Individuums ankämpfen und im Widerspruch stehen mit den Bewegungen wie mit den Formen, die die Natur schuf, müssen ihrer Natur nach sterile Bewegungen sein, die keine künfjomsterben, wie sie geworden sind. Der Ausdruck, den die Tanzkunst im modernen Ballett gefunden hat, dessen Aktionen stets anhalten und in sich zu Ende sind, in dem keine Bewegung, keine Pose, kein
Rhythmus in kausaler Folge sich bildet, noch zu weiter folgenden Aktionen entwickelt werden kann, ist ein Ausdruck der Degeneration, des lebendigen Todes. Alle Bewegungen unserer modernen Ballettschule sind sterile Bewegungen, weil sie unnatürlich sind, weil sie die Täuschung hervorzurufen suchen, als ob das Gesetz der Gravitation für sie nicht existierte. Die primären oder fundamentalen Bewegungen der neuen Tanzkunst müssen in sich selbst den Keim tragen, aus dem alle anderen Bewegungen sich entwickeln können, die jede wiederum höhere Formen, den Ausdruck größerer Motive und Ideen in unendlicher Folge aus sich erzeugen müssen.

Denen aber, die trotz alledem noch immer an den Bewegungen unserer Ballettänzerinnen Freude empfinden, denen, die da glauben, daß sie das moderne Ballett aus historischen oder choreographischen oder irgend welchen andern Gründen rechtfertigen können, denen antworte ich, daß sie nicht weiter zu schauen vermögen, als bis zu den Röckchen und Trikots. Wenn ihr Auge weiter dringen könnte, dann würden sie sehen, daß unter den Röckchen und Trikots sich unnatürlich entstellte Muskeln bewegen, und wenn wir noch weiter schauen, unter den Muskeln unnatürlich entstellte Knochen: ein verunstalteter Leib und ein verkrümmtes Skelett tanzt vor ihnen! Diese Verunstaltung durch eine unrichtige Kleidung und durch unrichtige Bewegungen ist das Resultat des Unterrichts und der Ausbildung, die sie empfangen haben und die für das heutige Ballett unerläßlich sind. Das moderne Ballett richtet sich selbst dadurch, daß es den natürlich schönen Körper des Weibes unvermeidlich entstellt! Keine historischen, keine choreographischen Gründe können dagegen aufkommen!

Dann es ist die Aufgabe aller Kunst, den höchsten und herrlichsten Idealen des Menschen
Ausdruck zu geben. Welchen Idealen gibt das Ballett Ausdruck?

Einst war der Tanz die vornehmste aller Künste. Und er soll es wieder werden. Aus der Tiefe, zu
der er gesunken ist, soll er sich wieder erheben. Die Tänzerin der Zukunft soll solch eine Höhe erreichen, daß alle anderen Künste durch sie gefördert werden.

Was mehr als alles andere schön, gesund und sittlich ist, künstlerisch auszudrücken, das ist die
Mission der Tänzerin, und dieser Mission will ich mein Leben widmen.

Die Blüten vor mir enthalten gleichsam den Traum
eines neuen Tanzes. Man könnte ihn „Das Licht auf weiße Blüten fallend“ nennen. Ein Tanz, der eine subtile Uebersetzung des Lichtes und des Weiß der Blüten wäre. So rein, so stark, daß die Menschen, die ihn sehen, sich sagen müßten: wir sehen eine Seele sich vor uns bewegen, eine Seele, die zum Licht gelangt ist und das Wesen der weißen Farbe gefühlt hat. Durch ihr menschliches Medium empfangen wir ein freudiges Gefühl von der Bewegung leichter und froher Wesen. Durch dieses menschliche Medium strömt die liebliche Bewegung aller Natur auch auf uns über, durch die Tänzerin vermittelt. Wir fühlen die Bewegung des Lichtes mit der Vorstellung glänzender Weiße verbunden. Er müßte ein Gebet sein, dieser Tanz! Jede Bewegung müßte ihre Wellenschwingung bis zum Himmel sen-
den und ein Teil des ewigen Rhythmus der Sphären werden.

Jene primären Bewegungen für den menschlichen Körper zu finden, aus welchen sich die Be-
wegungen künftiger Tänze in ewig wechselnden, endlosen und natürlichen Folgen entwickeln werden, ist die Aufgabe der neuen Tanzschule unserer Tage.

Dies zu erläutern, wollen wir die Stellung des griechischen Hermes, wie ihn auch die frühen
Italiener nachgebildet haben, betrachten. Er ist auf dem Winde fliegend dargestellt. Wenn es dem
Künstler beliebt hätte, dem Fuß eine vertikale Stellung zu geben, so hätte er es tun können, da
ja der Gott auf dem Winde fliegend die Erde nicht berührt. Aber in weiser Erkenntnis, daß keine Bewegung wahr erscheint, wenn sie in uns nicht die Vorstellung weiter folgender Bewegungen erzeugt, stellte der Bildhauer den Hermes so dar, als ob der Ballen seines Fußes auf dem Winde ruhen würde und ruft dadurch im Beschauer den Eindruck ewig währender Bewegung hervor.

Jede Stellung und Gebärde der antiken Skulptur könnte ich in gleicher Weise als Beispiel benutzen, Unter den tausenden von Figuren, die uns auf den griechischen Vasen und Reliefs überliefert sind, findet sich nicht eine, deren Bewegung nicht bereits eine andere Bewegung voraussetzen würde. Die Griechen waren eben außerordentliche Beobachter der Natur, in der alles der Ausdruck nie endender, ewig sich steigernder Entwicklung ist, in der es nie ein Enden, nie ein Anhalten gibt.

Solche Bewegungen werden immer abhängig sein von der sich bewegenden Gestalt und ihr entsprechen müssen. Die Bewegungen eines Käfers entsprechen naturgemäß seiner Gestalt; die Bewegungen des

Pferdes entsprechen der seinen; ebenso müssen die Bewegungen des menschlichen Körpers seinen Formen entsprechen. Ja sie müßten eigentlich den individuellen Formen entsprechen: der Tanz zweier Personen dürfte nie völlig der gleiche sein. Die Leute denken, daß, solange der Tanz nur rhythmisch sei, es auf die Gestalt und die Figuren nicht ankomme; aber das ist falsch: eins muß dem andern vollkommen entsprechen. Die Griechen verstanden dies sehr gut. Die eine unserer Illustrationen zeigt einen kleinen tanzenden Eros. Es ist der Tanz eines Kindes. Die Bewegungen der dicken kleinen Füßchen und Arme entsprechen vollkommen ihrer Form. Die Sohle des einen Fußes ruht flach auf dem Boden auf, eine Stellung, die bei einem entwickelteren Körper häßlich scheinen könnte, aber bei einem kleinen Kinde, dem es schwerer wird, sich im Gleichgewicht zu erhalten, ganz natürlich ist. Das eine Bein ist halb erhoben, wäre es etwa
ausgestreckt, so würde es mißfällig sein, denn die Bewegung wäre gezwungen und unnatürlich. Der tanzende Satyr auf dem nächsten Bilde zeigt uns einen Tanz, der von dem des Eros ganz verschieden ist. Seine Bewegungen sind die eines reifen und muskulösen Mannes: sie sind in vollkommener Harmonie mit dem Bau seines Körpers.

In all ihren Malereien und Skulpturen, in ihrer Architektur und Poesie, in ihrem Tanz und in ihrer Tragödie entwickelten die Griechen ihre Bewegungen aus der Bewegung der Natur. Das läßt sich besonders deutlich an all ihren Götterdarstellungen wahrnehmen: die griechischen Götter, die nichts anderes, als die Vertreter der Naturgewalten sind, sind stets in einer Haltung dargestellt, die die Konzentration und die Entwicklung dieser Gewalten ausdrückt. Darum ist die Kunst der Griechen nicht eine bloß nationale und charakteristische geblieben, sondern ist und wird zu allen Zeiten eine Kunst der ganzen Menschheit sein.

Wenn ich daher nackt auf dem Erdboden tanze, so nehme ich naturgemäß griechische Stellungen
an, denn griechische Stellungen sind nichts weiter, als die natürlichen Stellungen auf dieser Erde.

In jeder Kunst ist das Nackte das Höchste. Diese Wahrheit ist ziemlich allgemein anerkannt. Maler, Bildhauer und Dichter richten sich darnach; nur der Tänzer hat sie vergessen, er der ihrer am moisten gedenken sollte, da das Werkzeug seiner Kunst der menschlische Körper selbst ist.

Aus der menschlichen Gestalt, aus der Symmetrie
ihrer Formen schöpfte der Mensch die erste Er-

kenntnis der Schönheit. Die neue Schule des Tanzes muß jene Bewegung sein, die mit der vollkommenen Form des menschlichen Leibes in Harmonie und den vollkommensten Menschenleib zu entwickeln geeignet ist.

Für diesen Tanz der Zukunft will ich arbeiten. Ich weiß nicht, ob ich die hierzu notwendigen Eigenschaften besitze. Ich habe vielleicht weder Genie, noch Talent, noch Temperament, aber ich weiß, daß ich Eines habe: den Willen. Energie und Willen vermögen manchmal mehr als Genie, Talent oder Temperament.

Lassen sie mich alles, was gegen meine Fähigkeit zur Durchführung meines Werkes gesagt warden kann, in der folgenden kleinen Fabel vorwegnehmen.

Die Götter schauten nieder durch das Glasdach meines Ateliers und Athene sagte: „Sie ist nicht klug, sie ist nicht klug, im Gegenteil sie ist eigentlich auffällig töricht”.

Und Demeter sah hin und sagte: „Sie ist ja ein Schwächling, das kleine Ding! sie gleicht nicht meinen tiefbusigen Töchtern, die auf den Gefilden von Eleusis spielten. Man kann ja jede Rippe an ihr zählen, sie ist wahrlich nicht würdig auf meiner breitstraßigen Erde zu tanzen“. Und Iris sah nieder und sagte: „Seht nur, wie schwerfällig sie sich bewegt, hat sie denn gar keine Ahnung von dem raschen und anmutigen Tanz geflügelter Wesen p« Und Pan schaute und sprach: „Was! Glaubt sie vielleicht, daß sie eine Ahnung von der Bewegung meiner Satyren hat, meiner prachtvollen zwiegehörnten Kerle, aus denen das ganze duftige Leben der Wälder und Wasser atmet?« Und Terpsichore sah noch hin mit verächtlichem Blick: „Und das nennt sie tanzen ?“ sprach sie, „ihre Füße bewegen sich ja ungefähr in den trägen Schritten einer verrenkten Schildkröte!”

Und alle Götter lachten. Ich aber sah tapfer empor durch das Glasdach und sagte:

„O ihr unsterblichen Götter, die ihr im hohen Olymp wohnet und von Ambrosia lebt und Honigkuchen, und die ihr keine Ateliermiete zu zahlen habt, noch Bäckerrechnungen, beurteilt mich nicht so wegwerfend! Es ist wahr o Athene, ich bin nicht klug und mein Kopf ist ein recht wirres Ding, aber ich lese gelegentlich die Worte derjenigen, die in das unendliche Blau Deiner Augen geschaut und ich beuge meinen leeren Kopf sehr demütig vor deinen Altären! und O, Demeter mit dem heiligen Kranze“, fuhr ich fort, „es ist wahr, daß die herrlichen Jungfrauen deiner breitstraßigen Erde mich nicht in ihre Schar aufnehmen würden, aber siehe, ich habe die Sandalen von mir geworfen, damit meine Füße deine lebenspendende Erde ehrfürchtiger berühren mögen, und ich habe deine heiligen Hymnen vor den Barbaren unserer Tage gesungen, und habe sie dazu gebracht, ihnen zu lauschen und sie gut zu finden.

„Und du, o Iris, mit deinen goldenen Schwingen, es ist wahr, meine Bewegung ist eine recht mühselige, aber andere meines Berufes haben noch weit heftiger gesündigt gegen die Gesetze der Schwerkraft, von denen nur du Herrliche allein befreit bist. Aber der Hauch deiner Schwingen ist auch durch meine arme irdische Seele gefahren und oft habe ich Gebete zu deinem muteinflößenden Bilde emporgesandt.

„Und du, o Pan, der du mitleidig und freundlich warst gegen die arme Psyche auf ihren Wander-
ungen, denke doch gütiger von meinen kleinen Versuchen in deinen waldigen Lichtungen zu tanzen.

„Und du außerordentliche, o Terpsichore, sende du mir ein wenig Trost und Stärke, daß ich deine Macht auf Erden verkünden möge mein ganzes Leben hindurch, und nachher im schattenhaften Hades soll mein sehnsüchtiger Geist noch tanzen, bessere Tänze zu deinen Ehren.“

Und da antwortete Zeus selbst: „Fahre nur fort und baue auf die Gerechtigkeit der unsterblichen Götter. Wenn du dein Werk recht tust, so warden sie darum wissen und ihr Wohlgefallen daran haben.“

In diesem Sinne beabsichtige ich zu wirken, und wenn ich in meinen Tänzen einige wenige, wenn ich nur eine einzige Stellung finden könnte, die der Bildhauer unmittelbar in Marmor übertragen kann, so daß sie erhalten bleibt und seine Kunst bereichert, so würde meine Arbeit nicht umsonst gewesen sein. Diese eine Form wäre ein Gewinn, wäre ein erster Schritt für die Zukunft. Meine Absicht ist, mit der Zeit eine Schule zu gründen, ein Theater zu bauen, in welchem hundert kleine Mädchen in meiner Kunst ausgebildet werden sollen, die sie dann ihrerseits vervollkommnen werden. Ich werde die Kinder in dieser Schule nicht lehren, meine Bewegungen nachzumachen, sondern ihre eignen zu machen, ich werde sie überhaupt nicht dazu zwingen, gewisse bestimmte Bewegungen einzuüben, sondern ich werde sie dazu anleiten, diejenigen Bewegungen zu entwickeln, die ihnen natürlich sind. Wer immer die Bewegungen eines ganz kleinen Kindes sieht, wird nicht leugnen können, daß sie schön sind. Sie sind schön, weil sie dem Kinde naturgemäß sind.

Aber die Bewegungen des menschlichen Körpers können schön sein auf jeder Entwicklungsstufe, so lange sie mit eben dieser Stufe, mit dem Grad der Reife, den der Körper erreicht hat, in Harmonie sind. Immer muß es Bewegungen geben, die der vollkommene Ausdruck dieses individuellen Körpers und dieser individuellen Seele sind: wir dürfen sie daher nicht zu Bewegungen zwingen, die ihnen nicht naturgemäß sind, sondern etwa einer bestimmten Schule angehören. Jedes intelligente Kind müßte sich darüber wundern, daß es in den Ballettschulen Bewegungen gelehrt wird, die mit allen Bewegungen, die es aus eigenem Antrieb machen würde, im Widerspruch stehen.

Dies könnte als eine Frage von geringer Wichtigkeit erscheinen, eine Frage der Meinungsverschiedenheit über das Ballett und den neuen Tanz. Aber es handelt sich in Wahrheit um eine viel größere Sache.Es handelt sich nicht nur um wahre oder unechte es ist eine Frage, die die Zukunft der ganzen Rasse berührt. Es handelt sich um die Entwicklung des weiblichen Geschlechts zu Schönheit und Gesundheit, um die Rückkehr zur ursprünglichen Kraft und zu den natürlichen Bewegungen des weiblichen Körpers.  Es handelt sich um die Entwicklung vollkommener Mütter und die Geburt schöner und gesunder Kinder. Die Tanzschule der Zukunft soll die ideale weibliche Gestalt entwickeln. Sie muß gleichsam ein Museum der lebendigen Schönheit ihrer Epoche sein.

Reisende, die in ein Land kommen und die Tänzerinnen dieses Landes sehen, müssen wohl in ihnen die ideale Vorstellung finden, die man in diesem Lande von der Schönheit der Formen wie der Bewegungen hat. Fremde, die heute in irgend ein Land der Erde kommen und die Ballettänzerinnen daselbst tanzen sehen, müssen eine sonderbare Vorstellung von dem Schönheitsideal dieser Länder bekommen. Aber noch mehr — der Tanz muß wie alle Kunst
zu jeder Zeit den höchsten Grad, den der menschliche Geist in dieser Epoche erreicht hat, wiederspiegeln. Glaubt wohl irgend jemand, daß das Ballett unserer Tage die höchste Blüte unserer Kultur ausdrückt?

Warum stehen die Stellungen, die in ihm angenommen werden, in solch einem Gegensatz zu den schönen Stellungen der antiken Skulpturen, die wir in unseren Museen bewahren, und die uns doch beständig als vollkommene Muster idealer Schönheit vorgehalten werden? Oder sind unsere Museen nur aus historischem und archäologischem Interesse gegründet worden und nicht um der Schönheit der Gegenstände willen, die in ihnen bewahrt sind?

Das Ideal der Schönheit des menschlichen Körpers kann nicht mit der Mode wechseln, sondern nur mit der Entwicklung. Erinnern Sie sich an die Geschichte von der schönen Skulptur einer jungen Römerin, die unter der Regierung des Papstes Innocenz VIII. entdeckt wurde und die durch ihre Schönheit solches Aufsehen erregte, daß die Menschen sich drängten, sie zu sehen, Pilgerfahrten zu ihr unternahmen, gleichwie zu einer heiligen Reliquie, so daß der Papst, beunruhigt von der Aufregung, die sie hervorrief, sie schließlich wieder vergraben ließ. Hier möchte ich ein naheliegendes Mißverständnis vermeiden. Aus dem, was ich gesagt, könnte man leicht schließen, es wäre meine Absicht, zu den Tänzen der alten Griechen zurückzukehren, und ich dächte, daß der Tanz der Zukunft ein Wiederaufleben der antiken Tänze oder sogar der Tänze wilder Stämme sein würde. Nein, der Tanz der Zukunft wird eine neue Bewegung sein, eine Frucht der ganzen Entwicklung, die die Menschheit hinter sich hat. Zu den Tänzen der Griechen zurückzukehren, würde ebenso unmöglich sein, als es unnötig ist: wir sind keine Griechen und können daher auch nicht die griechischen Tänze tanzen. Wohl aber wird der Tanz der Zukunft wieder eine hohe religiöse Kunst werden müssen, wie er es bei den Griechen war. Denn eine Kunst, die nicht mit religiöser Ehrfurcht geübt wird, ist keine Kunst, sondern Marktware.

Die Tänzerin der Zukunft wird ein Weib sein müssen, deren Körper und Seele so harmonisch entwickelt sind, daß die Bewegung des Körpers die natürliche Sprache der Seele sein wird. Die Tänzerin wird nicht einer Nation, sondern der ganzen Menschheit angehören. Sie wird keine Feentänze zu tanzen suchen, noch Nixen darstellen oder kokette Frauen, sondern sie wird als das Weib in seiner größten und reinsten Erscheinung tanzen. Sie wird die Mission des weiblichen Körpers und der Heiligkeit all seiner Teile versinnlichen. Sie wird das wechselnde Leben der Natur im Tanze ausdrücken und die Wandlungen aller ihrer Elemente ineinander zeigen. Von allen Teilen ihres Leibes wird der Geist ausstrahlen und der Welt die Botschaft von den Gedanken und Hoffnungen tausender von Frauen bringen. Sie wird die Freiheit des Weibes in ihrem Tanze ausdrücken. Welch ein Feld erwartet sie da! Fühlt ihr nicht, daß sie nahe ist, daß sie kommen muß, die Tänzerin der Zukunft! Sie wird den Frauen eine neue Erkenntnis der möglichen Kraft und Schönheit ihrer Leiber bringen. Sie wird sie den Zusammenhang ihrer Leiber mit der Erdnatur lehren und sie vorbereiten für die Kinder der Zukunft. Sie wird den Tanz des Leibes tanzen, der aus Jahrhunderten zivilisierter Vergessenheit emportaucht, nicht in der Blöße des Urmenschen, sondern in einer neuen Nacktheit, die mit seiner Geistigkeit nicht länger im Widerspruch stehen wird, sondern sich mit dieser Geistigkeit für immer in einer glorreichen Harmonie verbinden wird.

Das ist die Mission der Tänzerin der Zukunft. Fühlt ihr nicht, daß sie nahe ist, sehnt ihr euch nicht nach ihrem Erscheinen, wie ich es tue? Laſt uns ihr einen Weg bereiten. Ich möchte einen Tempel für sie erbauen, der sie erwarten soll. Vielleicht ist sie noch nicht geboren, vielleicht ist sie heute ein kleines Kind, vielleicht, — o Glück! — wird es meine heilige Aufgabe sein, ihre ersten Schritte zu leiten und die Entwicklung ihrer Bewegungen Tag für Tag zu beobachten, bis sie weit über meine arme Lehrerschaft hinauswachsen wird. Ihre Bewegungen werden denen der Götter gleichen, sie werden die der Wogen und Winde spiegeln, und das Wachsen der irdischen Dinge, den Flug der Vögel, das Ziehen der Wolken und zuletzt die Gedanken des Menschen von dem Weltall, das er bewohnt. Ja, sie wird kommen, die Tänzerin der Zukunft, sie wird kommen als der freie Geist, der in dem Leibe des freien Weibes der Zukunft wohnen wird. Sie wird herrlicher sein, als irgend ein Weib, das gelebt hat; schöner als die Ägypterin, als die Griechin, als die Italienerin der Frühzeit, als alle Frauen vergangener Jahrhunderte! Ihr Kennzeichen wird sein: der höchste Geist in dem freiesten Körper!

 

Translated by Karl Federn

 

 

Quelle: Der Tanz Der Zukunft, Eine Vorlesung (Leipzig: Eugen Diederichs) 1903, pp. 11-26. (Druck von Brietkopf & Härtel)